Deklaration des SAT-Kongresses 2008
Eine weltweite Arbeiter-Begegnung ohne Sprachbarrieren – der SAT-Kongress 2008 in Kasanlak
Esperanto? Was ist das?
Was ist SAT?Esperanto wurde 1887 von Dr. L. L. Zamenhof, einem im westlichen Teil des russischen Reiches lebenden Augenarzt, als neutrale internationale Sprache vorgeschlagen. Er wollte eine leicht erlernbare, regelmäßige Sprache entwickeln und mit Gleichgesinnten erproben, die später als internationale Zweitsprache für alle eingeführt werden sollte. Eine neutrale, allen Menschen gleichermaßen gehörende Sprache hielt er nicht nur für eine praktische Sache, sondern auch für einen Faktor des Friedens.
Einen Durchbruch hat Esperanto schon geschafft: es wurde eine generationsübergreifende lebende Sprache, die Zehntausende in aller Welt beherrschen. Sie sind teilweise in Verbänden organisiert. Der Esperanto-Weltbund (UEA = Universala Esperanto-Asocio) hat etwa 6000 Einzelmitglieder in 120 Ländern [2008]. Der kleinere SAT (Sennacieca Asocio Tutmonda = Anationaler Weltbund) hat etwa 600 Mitglieder [2008]. Er sammelt u.a. linkspolitisch (vor allem sozialistisch, anarchistisch und antinationalistisch), gewerkschaftlich und ökologisch aktive Esperanto-Sprecher. Esperanto stellt seine Gebrauchsfähigkeit ständig unter Beweis. Es erweist seinen Sprechern viele praktische Dienste.
Die weltweite Dominanz einiger Sprachen beruht wesentlich auf der Macht der hinter ihnen stehenden Staaten. Mitglieder nichtprivilegierter Sprachgemeinschaften kommunizieren im internationalen Rahmen "bergauf", sofern sie überhaupt eine oder mehrere hegemoniale Sprachen beherrschen. Wer keine der "großen" Sprachen kann, ist von der internationalen Kommunikation weitgehend ausgeschlossen.
Der internationale Gebrauch von einigen Nationalsprachen verzerrt Kulturaustausch und Informationsflüsse zugunsten der wirtschaftlichen, politischen und meinungsbestimmenden Eliten der sprachlich privilegierten Länder. Eine neutrale, leichter erlernbare Sprache könnte da Ausgleich schaffen.
Manche nehmen das Sprachproblem schicksalsergeben hin und manche profitieren von ihm, weil ihre eigenen Fremdsprachenkenntnisse karrierefördernd oder prestigeträchtig sind. Vor allem aber haben sich die herrschenden Klassen vieler Länder gut im status quo eingerichtet. Es liegt nämlich in ihrem Interesse, dass die Masse der Lohnabhängigen und überhaupt die meisten Bevölkerungsschichten einsprachig oder nur begrenzt fremdsprachenkundig bleiben, da diese dann weniger Zugang zu Meinungen und Informationen aus dem Ausland finden, die nicht durch den Filter der von ihnen dominierten Medien hindurchgegangen sind, sowie sie sich weniger mit Ihresgleichen im Ausland direkt austauschen können. Die vielbeschworene "Globalisierung von unten" – einzige mögliche Antwort auf die kapitalistische Globalisierung von oben – kann nicht unter Sprachlosen stattfinden.
Esperanto ist egalitär. Es soll ermöglichen, dass breite Bevölkerungsschichten in allen Ländern sich über sprachliche und politische Grenzen hinweg unmittelbar verständigen. Englisch, von vielen als die Weltsprache angesehen, leistet dies nicht einmal in der kleinen Gruppe der relativ reichen Länder mit ausgebautem Schulwesen. Wenngleich die Machtverhältnisse einer allgemeinen Einführung des Esperanto auf absehbare Zeit entgegenstehen, die Praxis zeigt, dass Esperanto auch heute für manche sprachlich Benachteiligte ein Mittel ist, zweisprachig zu werden, und für alle ein Mittel ist, gleichberechtigte Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg zu praktizieren.
Esperanto kann in etwa einem Drittel der Zeit erlernt werden, die man für einige häufig gelernten Fremdsprachen braucht. Es hat eine phonemische (ein Laut = eine Buchstabe) Schrift und eine sehr regelmäßige Grammatik. Sein Lautbild ist auf Internationalität angelegt. Gesprochenes Esperanto klingt etwa wie Spanisch oder Italienisch.
Esperanto ist eine agglutinierende Sprache, bei der umfangreiche Teile des Wortschatzes aus kleineren Elementen zusammengesetzt werden. So verringert sich die Zahl der lexikalischen Elemente, die extra gelernt werden müssen. Der Wortschatz entspricht dem Prinzip einer möglichst hohen internationalen Bekanntheit.
Eine für alle Zwecke taugliche Sprache kann nur in einem kollektiven Prozess entstehen. Seit fast 100 Jahren finden Kongresse und Begegnungen statt, bei denen Esperanto gesprochen wird. Es gibt Zehntausende von Büchern und mehrere hundert regelmäßig erscheinende, meist kleinere Zeitschriften auf Esperanto. Esperanto wird häufig alltägliche Familiensprache bei Paaren unterschiedlicher Herkunft (und ihren Kindern).
Esperanto entwickelt sich fort – wie andere Sprachen – durch lexikalische Entlehnung und Begriffsbildung aus vorhandenen sprachlichen Mitteln, ohne dabei seine relative Einfachheit einzubüßen.
Die Sprechergemeinschaft in Europa ist stabil und ist in einigen außereuropäischen Gebieten stark gewachsen (China, Iran, Afrika). Esperanto hat auch mehr Anerkennung gefunden als allgemein bekannt ist, auch wenn diese für ihre weltweite Durchsetzung als zweite Sprache für alle bei weitem nicht ausreicht. In einer Resolution hat die UNESCO 1954 "die durch Esperanto erreichten Ergebnisse auf dem Gebiet des internationalen Austausches und der Annäherung der Völker" anerkannt. Der Esperanto-Weltbund UEA arbeitet in verschiedenen Arbeitsgruppen der UNESCO mit. Diese empfahl 1985 sogar, das Sprachproblem und Esperanto an Schulen und Hochschulen der Mitgliedsländer verstärkt zu behandeln.
Einige Länder lassen Esperanto für den Schulunterricht zu. Die Universität Budapest hat eine Esperanto-Abteilung, und andere Hochschulen bieten Lehrveranstaltungen in und über Esperanto an. Örtliche Stellen geben touristisches Informationsmaterial auf Esperanto heraus und tägliche Esperanto-Sendungen sind auf Kurzwelle bzw. per Satellit zu empfangen.
Langfristig fordert die dichter werdende Vernetzung der Welt und die kapitalistische Globalisierung die Arbeiterklasse heraus, Globalisierung von unten bewusster voranzutreiben. Esperanto eignet sich gut, Menschen zu ihren ersten gebrauchsfähigen – und weiter ausbaufähigen – Fremdsprachenkenntnissen zu verhelfen. Seine Nutzergemeinschaft bildet ein Milieu, in dem sprachpolitische Fragen ständig reflektiert werden. Damit hat Esperanto einen Anteil an der notwendigen Hebung der sprachlichen Kultur der unterprivilegierten Schichten. Ungeachtet der Ungewissheit einer möglichen "Durchsetzung" des Esperanto, erweist sich die Sprache seit Jahrzehnten auch darum als lebensfähig und für immer wieder neue Anhänger attraktiv.
Viele haben durch Esperanto bei geringem Lernaufwand weltumspannende Kontaktmöglichkeiten erschlossen. Manche machen in Organisationen mit. Die meisten Esperanto-Sprecher betonen den praktischen Aspekt mehr als den politischen: sie benutzen ihre Sprachkenntnisse auf Reisen, indem sie mit Bekannten Kontakt aufnehmen bzw. durch eines der Adressenverzeichnisse Kontakt knüpfen, z.B. durch den Pasporta Servo, in dem 1225 Personen aus 90 Ländern [2008] enthalten sind, die andere reisende oder Urlaub machende Esperanto-Sprecher für eine begrenzte Zeit beherbergen. Über das ganze Jahr finden Dutzende von internationalen Treffen, Tagungen und Freizeitaktivitäten statt, die sich häufig mit aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Fragen beschäftigen.
G. Mickle, Brüsseler Str. 6, DE-13353 Berlin, e-mail: gmickle BEI nexgo.de
Freier Esperanto-Bund für deutschsprachige Gebiete:
http://home.arcor.de/gmickle/leag/
Anationaler Weltbund (SAT):
http://www.satesperanto.org/
Esperantoland:
http://www.esperantoland.org/
Esperanto in Deutschland:
http://www.esperanto.de/
Mehrsprachiges Esperanto-Informations-Zentrum:
http://www.esperanto.net/
Lernu (Lehrmaterial, Wörterbücher):
http://www.lernu.net/